J. E. Biester - Schreiben über die Kempelischen Schachspiel- und Redemaschinen

Nachfolgend ein Text von J. E. Biester - Schreiben über die Kempelischen Schachspiel- und Redemaschinen. aus der Berlinischen Monatschrift von 1784, S. 495–514. Auch wenn der Text fast 40 Jahre vor dem Auftritt in London geschrieben wurde und damals noch Baron von Kempelen den Automaten vorführte, ist diese Beschreibung bestens geeignet, sich aus erster Hand ein Bild über die Abläufe rund um die Vorführung des Türken zu machen.


Schreiben über die Kempelischen Schachspiel= und Redemaschinen.

An Herrn * * Berlin.

Ich hoffe, Sie nicht auf eine unangenehme Art zu unterhalten, wenn ich Ihnen eine Beschreibung von den berühmten Kempelischen Schachspiel= und Redemaschinen mache, die ich vor einigen Tagen in Frankfurt am Main sah. Was darüber bisher geschrieben worden ist, wenigstens was ich darüber gelesen habe, kann fast gar nicht dienen, sich eine richtige Idee von diesen Kunstwerken zu machen.

Zuerst vom Schachspieler. Lassen Sie Sich erzählen, wie, wo und unter welchen Umständen sich mir diese Maschine dargestellt hat; kurz ohngefähr so erzählen, wie man eine Geistererscheinung beschreibt. Das ich gute Ursache zu dieser Methode habe, sollen Sie am Ende sehen. - Als ich Vormittags um Elf Uhr in das Zimmer des Gasthauses trat, wo die Maschine gezeigt wurde, stand sie noch in einem dunklen Alkoven, und wurde durch eine vorgesetzte spanische Wand verdekt. Vor dem Alkoven waren Schranken. Das Zimmer hatte auf beiden gegen einander überstehenden Seiten Fenster, und war sehr helle. Nachdem die Zuschauer, ohngefähr dreißig, beisammen waren, wurde die spanische Wand weg, und die Maschine herausgehoben.

Stellen Sie sich einen Kasten vor, dessen Oberfläche etwa vier Fuß in der Länge und zwei in der Breite, die Höhe aber ohngefähr drei Fuß beträgt. Da er an den unteren vier Ekken Rollen hat, so läßt er sich leicht fortbewegen. Hinten sizt, auf einer an dem Kasten befestigten Bank, eine Figur in Lebengröße, welche einen Türken vorstellt. Sein rechter Arm liegt unbeweglich auf dem Kasten, der linke aber, womit er zieht, ruht auf einem Polster. Der Gehülfe des Herrn von Kempele schloß die drei Thüren des Kastens auf. Es zeigten sich zwei Abtheilungen: eine kleinere, und eine größere; und eine Schublade lief unter beiden fort. Die kleinere Abtheilung war voll Räderwerk; unter andern sah' ich eine messingene mit eisernen Stiften besetzteWalze, wie sie in den Glokkenspielen und Drehorgeln sind. Die größere Abtheilung enthält nur etwas weniges von Maschinenwerk; der Polster, welchen man dem Türken unter den linken Arm legt, und ein kleines Brett, auf welches der Türke die geschlagenen Steine setzt; aber nichts von Maschinerie. - Um uns zu überzeugen, daß kein Mensch in dem Kasten sitze, schloß der Gehülfe die Rükseite der kleinen Abtheilung auf, und leuchtete mit einer Kerze hinein. Wir, die wir vor dem Kasten standen, konnten nun durch und durch und die Bewegung der Kerze sehen. Er schloß auch eine kleine Thür in der Rükseite der größeren Abtheilung auf, und leuchtete hinein, um uns zu beweisen, daß keine doppelte Rükwand da sei. Endlich ließ er uns in den Leib des Türken sehen. Es war ein holes Parallelecipedum, worin einige Metallstäbe und Röhren sichtbar waren. - Nach dieser Visitation verschloß er alles wieder, und schob den Kasten dicht an die Schranken. In geringer entfernung davon stellte er auf einen ganz freistehenden Theetisch das zuvor erwähnte Kästchen, das in der größern Abtheilung des großen Kastens gestanden hatte. Es ist etwa einen Fuß breit und lang, und zwei Fuß hoch. Seine Thüre war nach der Wand zugekehrt; und das Innere ward den Zuschauern nicht gezeigt. Wann es zuweilen während des Spiels geöfnet wurde; so konnten wir, der Stellung wegen, doch nicht hineinsehen, und der Gehülfe verschloß es jedesmal wieder sogleich.

Einer aus der Geschellschaft wurde zum Spiel eingeladen. Ich nahm die Einladung an, und stellte mich dem Türken gegen über an den Kasten, doch so, daß die Schranken mich davon trennten. Wir setzen die Steine auf, ich die meinigen, der Gehülfe die des Türken. Der Türke bekam sowohl diesmal, als Nachmittags, da ich die Maschine zum zweitenmal sah, die weißen Steine. Das Schachbrett ist auf dem Kasten der Maschine unbeweglich befestigt. Die Steine stekken nicht etwa mit Zapfen in dem Brett; sonden stehen darauf, wie gewöhnlich, ganz frei. Es ist von festem Holz so daß der Stein auf seinem Platz keinen Eindruk machen kann.

Als die Steine gesetzt waren, zog der Gehülfe die Maschine auf, wie man eine Uhr aufzieht; und stellte sich zwischen das auf dem Theetisch stehende Kästchen und den Türken. Er stand ganz frei, berührte weder des Kästchen, noch den großen Kasten der Maschine, noch den Türken, sah auf das Spiel mit unverwandten Blikken, und hatte fast immer die rechte Hand im Busen, die linke in der Hosentasche. Herr von Kempelen ging unter den Zuschauern herum, und beobachtete durch sein Fernglas das Spiel beständig. Der Türke fing die Partie an; diesen Vorzug bedingt ihm der Künstler, wie ich höre, jedesmal aus. Zuerst bewegte der Türke den Kopf hin und her, als wollte er das Spiel übersehen, alsdann erhob er seinen linken Arm ein wenig, führte ihn in einer stäten Bewegung über die Steine, offnete die Finger, ergriff den Stein, zog, und legte den Arm wieder auf das Kissen. Während das der Zug geschah, hörte man die Bewegung der Räder in der Maschine.

Meistens war, sobald ich gezogen hatte, der Türke sogleich mit seinem Zuge bei der Hand, ich mochte mich nun lange oder kurz besonnen haben; aber zuweilen dauerte es bis auf eine halbe Minute, ehe er wieder zog. Wollte er schlagen, so nahm er meinen Stein weg, setzte ihn auf ein an der Seite stehendes kleines Brett, und zog seinen Stein auf die Stelle des geschlagenen. Als ich vorsetzlich einen falschen Zug that, nemlich mit dem Laufer geradeaus ging; nahm er diesen Laufer, setzte ihn auf seinen vorigen Platz, und zog sogleich, so daß ich einen Zug verlor. Bot er dem Könige Schach, so nikte er dreimal mit dem Kopfe, und zweimal, wann es der Königinn galt. Zurückziehen darf man nicht; doch erlaubte mir es Herr von Kempelen, als ich darum bat, nur mit dem Beding, daß es sogleich nach dem Zug geschehe, ehe die Maschine in Bewegung sei. So oft der Türke oder ich geschlagen hatte, ging der Gehülfe von seinem Platz, nahm die geschlagenen Steine weg, und setzte sie auf den Theetisch hinter das geheimnißvolle Kästchen. - Einmal stekten Herr von Kempelen und sein Gehülfe die Köpfe zusammen, und besprachen sich leise. - Als der Türke rochen wollte, gieng der Gehülfe zuvor zum heimlichen Kästchen, und schien etwas darin zu rükken. Gegen das Ende des Spiels wurde die Maschine zum zweitenmal aufgezogen.

Als der Türk die Partie gewonnen hatte, sagte Herr von Kempelen: ich möchte noch einen Zug thun. Ich that es, aber der Türke zog nicht wieder, sondern schüttelte den Kopf. - Nun machte die Maschine eine neue Operation. Ich nahm alle Steine vom Brette, und setzte einen Springer auf ein mir beliebiges Feld. Der Türk ergriff den Springer, und ließ ihn immer von schwarz auf weiß, und von weiß auf schwarz über drei Felder springen, wie der vorgeschriebene Gang dieses Steines ist. Auf jedes Feld legte der Kempelische Gehülfe, sobald der Türke den Springer davon genommen hatte, eine Spielmarke; am Ende waren alle Felder belegt, und der Türke setzte den Springer wieder auf das Feld, wovon er ihn weggenommen hatte.

Endlich ließ auch der Künstler seine Maschine auf vorgelegte Fragen Antworten geben. Auf den Feldern des Schachbrettes waren nemlich die Buchstaben des Alphabetes geschrieben. Der Gehülfe zog die Maschine auf, aber an einem andern Orte als zuvor, nemlich hinten unter dem Sitz des Türken. Die Zuschauer thaten viele Fragen an die Maschine, z.B. : wie viel Uhr ist es? lieben Sie die Damen? wo gehen Sie morgen hin? Sie gab jedesmal eine passende Antwort, indem der Türk mit der Hand nach und nach alle Buchstaben der Antwort auf den Feldern andeutete. Der Gehülfe stand während dieser Operation dicht an der Maschine, und nannte uns die Buchstaben, auf welche der Türke zeigte.

Abends um 5 Uhr besuchte ich den Schachspieler noch einmal. Es gieng alles gerade so, wie am Morgen, bis auf einige kleine Verschiedenheiten: dahin gehört, daß die Maschine zu der Schachspielpartie nur einmal aufgezogen wurde. Als der Türk einen falschen Zug that, auch den Arm nicht wieder auf den Polster zurückbringen konnte, gieng der Gehülfe nach dem Kästchen, schloß darauf den Körper des Türken auf, und suchte die Sache in Ordnung zu bringen. Als es ihm nicht gelingen wollte, rief Herr von Kempelen: "Funfzehn! Nehmen Sie das Licht dazu;" endlich kam er selbst herbei, und stellte den Gang der Maschine her.


Und nun soll ich Ihnen das Resultat meiner Beobachtungen sagen? - Der Kempeltsche Schachspieler ist das größte Meisterstük von Mechanismus und Taschenspielerei (sofern das letzte Wort nicht zu unedel ist), das ich je gesehen habe. Zwar die Figur des Menschen zu machen, der mit der Hand Steine auf dem Schachbrett fortrükt, möchte wohl nicht unter die schwersten Aufgaben der Mechanik gehören. Die Maschine so einzurichten, daß sie jeden dem Künstler beliebigen Zug thäte, wann er jedesmal vor dem Zuge die Maschine stellen dürfte, sollte wohl auch nicht so künstlich sein, daß es nicht mancher Mechaniker leisten könnte. Also von Seiten der mechanischen Kunst scheint mir diese Maschine immer sehr merkwürdig, aber doch nicht das non plus ultra der Kunst. - Allein, wie Herr von Kempelen auf die Maschine wirkt oder wirken läßt, das ist das Unbegreifliche bei der Sache, das, was ich die Taschenspielerrei nannte, das Räthsel, dessen Auflösung schon so manche Zirbeldrüse in Deutschland, Frankreich, und England, in Unruhe gesetzt hat.

Daß nicht die Maschine, sondern ein Mensch durch die Maschine spielt, oder daß bloß die Maschine das Werkzeug ist, welches ein Mensch nach Gefallen lenkt, ist wohl ganz offenbar. Der Künstler läugnet es auch selbst nicht; und keinem Menschen, der einigen Begriff von Maschine und Schachspiel hat, wird es einfallen zu glauben, daß eine Maschine Schach spielen könne. Also vorausgesetzt, daß ein Mensch auf die Maschine Einfluß hat, so fragt sich's: wie wirkt er darauf? Um dieses zu erklären, ist man auf mancherlei Hypothesen gefallen. Einige haben gesagt, es stekke ein Mensch in der Maschine. Allein wo? In dem geheimnißvollen Kästchen, und im Körper des Türken, ist es wegen Mangel des Raumes unmöglich. In dem großen Kasten könnte er bequem sitzen; aber dieser wird den Zuschauern aufgeschlossen. Wollte man sagen, daß der Mensch erst nachher, wann die Maschine visitirt worden ist, aus dem Alkoven hinein schlüpfte; so steht dem entgegen: daß zwischen dem Alkoven und der Maschine noch ein wenigstens vier Fuß breiter Raum war, daß das Spiel bei hellem Tage geschieht, daß die Zuschauer auf drei Seiten stehen, und daß so etwas unbemerkt unmöglich, wenigstens nicht oft, geschehen könnte. - Soll der Mensch in
einem Nebenzimmer über der Dekke des Zimmers, unter dem Fußboden stekken? Auch dies kann man nicht annehmen. Da die Maschine in soviel öffentlichen Häusern gezeigt worden ist: so hätten die Wirthe oder ihre Domestiken den Betrug gewiß schon längst verrathen. Und wie sollte dieser entfernte Mensch auf die Maschine wirken? Mit einem sichtbaren Körper, durch Ziehen oder Drücken? Dies läßt sich nicht annehmen, da man schlechterdings keinen Zusammenhang der Maschine mit irgend einem Theil des Zimmers entdekken kann, bei dem eine solche Einwirkung statt fände. Durch geheimere Kräfte? Dazu ist kein verstekter Mensch nöthig, denn es steht einer öffentlich neben der Maschine, der Gehülfe des Künstlers.

Wir und allen, die ich darüber sprach, scheint es unbezweifelt, daß dieser, und Niemand anders, die Maschine dirigirt; daß er, mit dem Herrn von Kempelen gemeinschaftlich, spielt und jeden Zug lenkt. - Aber wie, womit, wodurch, wirkt er? Da liegt der Knoten! Viele sind auf den Magnetismus gefallen, und der Gehülfe kann im Busen oder in der Roktasche gar füglich mit einem Magneten operiren. Allein Herr von Kempelen soll, wie in Friedels Briefen aus Wien steht, sich erboten haben, den stärksten Magneten und so viel Eisen, als man will, an die Maschine bringen zu lassen. Ob jemand den Versuch gemacht habe, weiß ich nicht. Als in meiner Gegenwart einer der
Zuschauer den Gedanken von Magnetenwirkung gegen Herrn von Kempelen äußerte, antwortete dieser: er habe sich zum Grundsatz gemacht, auf alle solche Fragen weder Ja noch Nein zu sagen. Da Sie in kurzem Gelegenheit haben werden, die Maschine zu sehen; so unterlassen Sie doh nicht diesen Punkt durch einen Versuch ins Klare zu setzen. Das viele in der Maschine befindliche Eisen scheint mir die Hypothese von magnetischem Einfluß zu widerlegen. Andere haben eine gröbere Einwürkung des Gehülfen geargwohnt. Sie meinten, er könne mit den Füßen oder durch einen Drath die Maschine bewegen. Allein dieser Gedanke verschwindet, sobald man die Sache selbst sieht. Der Mann steht viel zu frei, und jede seiner Bewegungen wird zu scharf beobachtet, als daß er auf diese Weise wirken könnte.

Ob das Kästchen auf dem Theetisch bei dem Spiel nothwendig ist, oder ob es nur zum Schein da steht: darüber sind die Ausleger verschiedener Meinung. Ich glaube das erste; ob ich gleich nicht begreife, wozu es dient, und wie es mit der großen Maschine verbunden ist. Wenn ich alles wohl überlege: so glaube ich, daß dieses Kästchen eine Art von Anweisung enthält, wie in außerordentlichen Fällen die geheime Bewegkraft applicirt werden müsse.


Soweit der Auszug aus dem Text von Biester. Er schreibt dann noch etwas über die Sprechmaschine des Herrn von Kempelen. Obwohl eigentlich allen Beobachtern und Zuschauern klar war, dass eine auch noch so komplizierte Mechanik nicht fähig sein konnte, Schach zu spielen, gelang es in der Vorführung Zweifel hervorzurufen, insbesondere durch das Kästchen auf dem Teetisch, die zur damaligen Zeit dazu führten, das von der Aufführung eine Faszination ausging.

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